Diktatoren erst fördern, dann bekämpfen

Kampf gegen das Böse ist in Wahrheit der Kampf um Energievorkommen.

Anmerkung zu einem neuen USA-kritischen Buch von Franz Alt

George W. Bush junior kommt wie George Bush senior aus der US- Energiewirtschaft. Vizepräsident Dick Cheney und Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice wie mehrere Bush-Minister übrigens auch. Afghanistans Übergangspräsident Karsai - von der Bush-Regierung ins Amt geboxt - stand bis vor zwei Jahren auf der Gehaltsliste eines US- Energiekonzerns. In Deutschland wird die Energiewirtschaft gelegentlich als Staat im Staat bezeichnet. In den Vereinigten Staaten von Amerika ist sie das inzwischen.

Die Öl- und Gaslobbies haben die Macht übernommen, nachdem und indem sie George W. Bush den Wahlkampf finanziert hatten. Jetzt gilt: Wahltag ist Zahltag. Verfilzt und zugenäht! Der alte Bush führte vor zehn Jahren den Golfkrieg um Öl, der junge Bush führt jetzt den Afghanistankrieg um Öl und Gas. Der »Kampf gegen das Böse« ist ein Krieg um Energieressourcen. »Auf Osama Bin Laden kommt es eigentlich gar nicht an«, sagte der US-Präsident. Worauf dann? In Zentralasien, in Kirgisien und Kasachstan, in Aserbaidschan und Usbekistan liegen die größten, noch unerschlossenen Öl- und Gasreserven der Welt. Die USA brauchen Pipelines durch Afghanistan und Pakistan, um den Stoff an den Indischen Ozean und ans Arabische Meer zu bringen. 2004 sollen die ersten gebaut werden.

Diese Zusammenhänge zeigt Till Bastian in seinem Buch »55 Gründe, mit den USA nicht solidarisch zu sein und schon gar nicht bedingungslos« auf. Schon im Vorwort setzt er sich vorsichtshalber mit der »Torheit« des Anti-Amerikanismus-Vorwurfs auseinander. Der Pazifist Bastian beruft sich unter anderern auf den früheren konservativen CDU-Bundestagsabgeordneten Jürgen Todenhöfer, der die uneingeschränkte Solidarität mit den USA uneingeschränkt traurig empfand. »Merkt niemand«, hatte Todenhöfer gefragt, »dass wir dabei sind, die militärische Führung der Welt zu gewinnen, die moralische Glaubwürdigkeit aber zu verspielen, ohne die der Terrorismus nicht zu besiegen ist?«

Bastians und Todenhöfers kritische Position gegenüber den US-Bomben in Afghanistan mit über 5000 Toten wurde längst bestätigt: Der US-Geheimdienst CIA musste bekannt geben, dass zum Beispiel Terroristen in Saudiarabien durch den US-Krieg in Afghanistan eine noch viel größere finanzielle Unterstützung mit Petrodollars und einen noch weit stärkeren Zulauf erhalten haben als zuvor. Es ist noch einmal bestätigt worden, was Kanzler Helmut Kohl 1986 im Deutschen Bundestag unter Beifall aller Fraktionen gesagt hatte: »Mit Bomben sind Terroristen nicht zu besiegen.«

Bastian zeigt auf, dass die heutige Führung der USA alte Fehler ihrer Vorgänger wiederholen: Früher wurden Saddam Hussein im Irak und die fundamentalistische Al Quaida in Afghanistan unterstützt - einschließlich Osama Bin Laden, der ein typisch amerikanisches Gewächs ist. Die USA unterstützten die brutalsten Diktatoren und führen heute Krieg gegen sie. Auch heute spielen Menschenrechtsverletzungen wie in Usbekistan keine Rolle. Hauptsache ist, die Regierung Usbekistans ebnet den USA den Weg zum Öl und Gas und militärischen Stützpunkten.

Soll das demokratische Deutschland mit dieser US-Politik »bedingungslos solidarisch« sein, wie es Gerhard Schröder fordert? Diese Frage durchzieht wie ein roter Faden Bastians Buch. Die US-Politik und damit den American Way of Life, so kritisiert Bastian, sollen wir also »uneingeschränkt« verteidigen. Richtig ist aber, dass wir gerade den unverantwortlichen energieverschwenderischen Way of Life überwinden müssen, wenn wir überleben wollen.

Spätestens an dieser Stelle hätte ich mir über die treffende Analyse hinaus Hinweise auf Lösungssätze des Ressourcen- und  Energieproblems gewünscht. Eine der wichtigsten politischen Fragen des 21. Jahrhunderts heißt: »Krieg um Öl oder Frieden durch die Sonne«. Wir müssen also bei der schrecklichen Zustandsbeschreibung nicht stehen bleiben. Analysen werden mit der Zeit langweilig - Lösungen sind spannender.

Zu Recht regt sich Till Bastian über Bushs fundamentalistisch religiös gefärbte Rhetorik auf. Und Europa war unfähig, Alternativen zum Krieg aufzuzeigen. Allerdings: Solange Europa in ähnlich verhängnisvoller Weise wie die USA am Tropf der Öl und Gasfelder zwischen Nahost und Zentralasien hängt, bleiben sie theoretisch. Erst eine hundertprozentige energetische Unabhängigkeit durch Energie über Sonne, Wind, Wasserkraft, Biomasse und Erdwärme schafft die Voraussetzung für eigenständige europäische Politik des Friedens im doppelten Sinne: eines Friedens mit der Natur und zwischen den Völkern. Bastians überzeugendes Fazit: Uneingeschränkte Solidarität mit dem Leben erfordert eingeschränkte Solidarität mit dieser US- Regierung. (Publik-Forum 16/2002, S.14)

Till Bastian, »55 Gründe, mit den USA nicht solidarisch zu sein und schon gar nicht bedingungslos«, Pendo-Verlag, 2002; im Publik-Forum-Bücherdienst erhältlich

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