Eine Schaukel
aus: "Geschichten wie Anker der Hoffnung", Hoffsümmer, Willi

Der Maler Gerd Gisder, der lange Zeit für den Film und später für das Fernsehen arbeitete, bekam einmal, nachdem er sich als freier Künstler niedergelassen hatte, von einem reichen Fabrikanten den Auftrag, das Leben darzustellen. Gerd Gisder nahm an und versprach, sein diesbezügliches Werk binnen einer Woche zu fertigen.

Als nach Ablauf der gesetzten Frist der Fabrikant sich wieder bei dem Künstler meldete, war dieser gespannt, was denn auf der Leinwand zu sehen sei. Vielleicht hatte Gerd Gisder einen Baum als Lebensbaum oder einen Weg als Lebensweg oder gar Wasser als Ursprung und Quelle allen Lebens gemalt.

Der Künstler führte den Fabrikanten in sein Atelier. Auf der Staffelei stand ein Ölgemälde. Die Verwunderung des Auftraggebers über das Dargestellte war groß. Er starrte lange auf das Bild. Seine Augen schienen zu fragen: "Das soll Leben symbolisieren?" Der Künstler nickte und dann, als hätte er die Gedanken des Mannes erraten, erklärte er:

"Ja, eine Schaukel! Sie versinnbildlicht für mich am besten das Leben!" Und er zeigte auf die Schaukel, die nicht starr nach unten hing, sondern Anlauf nahm zum Aufschwung. Er führte dann aus: "Sitzen Kinder oder Verliebte darauf, ist sie ständig in Bewegung wie alles Leben. Ihr Prinzip ist das Auf und Ab, gleich den Höhen und Tiefen, die in jedem Dasein vorkommen." Nach einer Pause setzte er hinzu: "Wenn man es sehen will, hat das Leben mehr Höhen als Tiefen."

Dann schwieg er länger und meinte nach der Pause mit fester Stimme: "Aber auch wenn ich ein Tief durchmache, habe ich die Gewissheit, dass ich gehalten werde."

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