Gemeinsames Abendmahl gibt Kraft - Ein Bischofswort von unten

VON BISCHOF JACQUES GAlLLOT

Jacques Gaillot ist der mobile katholische »Wüstenbischof« von Frankreich, der sich wie kaum ein anderer für die Armen und Entrechteten engagiert. Er verbindet mit dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin besonders den Wunsch, praktisch in der Ökumene voranzukommen. Gaillot ist als Gast der Reformbewegung Wir sind Kirche beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin.
Es ist mir eine Freude, mit Protestanten und Katholiken vor Ort zusammenzuarbeiten. Mein Hauptinteresse ist die Gerechtigkeit zu fördern. Ich mache gemeinsam mit vielen die Erfahrung, dass wir das Evangelium nicht verkünden können, ohne dabei leidenschaftlich für die Gerechtigkeit für alle einzutreten. Deswegen treffen sich ökumenische Christen auch bei Weltwirtschaftsgipfeln zum Beispiel in Genua, um die brutalkapitalistische neoliberale Globalisierung anzuprangern. Deshalb schicken sie Delegationen des Mitleidens, der Compassion, und Solidarität ins unterdrückte Palästina. Deshalb fordern Ökumenische Christen, dass die Kirchen ihren Beitrag leisten wider die enormen sozialen Ungerechtigkeiten in der Welt. Lebendige Kirchen, die Ungerechtigkeit nicht länger hinnehmen, sondern anklagen und be- kämpfen: Erst solche Kirchen werden für die Menschheit zu einem prophetischen Zeichen der Befreiung. Christen aus der Ökumene wissen, dass der Friede auch in ihre Hände gelegt ist. Sie wollen die aktive Gewaltfreiheit fördern. Da- rum wünschen sie, dass auch die Kirchen selbst auf (psychische) Gewaltanwendung verzichten. Sich zur Gewaltfreiheit bekehren ist ein schwerer Entscheid. Doch er ent- spricht dem Evangelium. Liegt darin nicht auch die Bedingung für den Dialog? Echter Dialog ist nur möglich zwischen Menschen, die keine Waffen haben. Christen aus der Ökumene kümmern sich um den Umweltschutz und sorgen sich um die Zukunft der Erde. Ökumenische Christinnen und Christen haben kapiert, dass der Mensch nicht mehr im Zentrum der Welt steht. Der Mensch ist ein »Erdenwesen«, ein Sohn und eine Tochter des Kosmos, ein Staubkorn der Sterne. Sollten uns die Kirchen nicht zeigen: Die Versöhnung des Menschen mit sich selbst setzt die Versöhnung mit der Natur voraus!
Die Christinnen und Christen von der Basis, die ich täglich und gerne treffe, sind davon überzeugt: Keine Kirche ist die Besitzerin der Wahrheit. Doch jede Kirche verfügt über ihre eigene Art, sich der Wahrheit zu nähern. Entsteht nicht erst im Dialog, der klar die Öffnung für den anderen verlangt, die gemeinsame Wahrheit? Wer mit dem Dialog, sogar mit der Debatte beginnt, muss wissen: Dabei nimmt man das Risiko auf sich, sich zu verändern, anders als vorher zu denken.
Die Wahrheit bedeutet Unterwegssein, sie kann nicht im Tresor gehortet werden. Ich kenne Protestanten und Katholiken, die gemeinsam das Heilige Abendmahl feiern. Es kommt vor, dass ich auch an diesen Feiern teilnehme. Das gemeinsame Abendmahl ist für diese Christen der Ökumene - und natürlich auch für mich - ein stärkendes und ein starkes Erlebnis. Das Brot des Lebens erweist sich als unser Brot fürs Unterwegssein. Im gemeinsamen Unterwegssein gehen wir mit diesem Brot der Einheit und der ganzen Wahrheit entgegen.

ÜBERSETZUNG:  CHRISTIAN MODEHN
quelle: puplik-forum Nr. 10 2003

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