Klimaverbrecher vor Gericht  

Zwischenruf von Franz Alt aus Publik-Forum 2001/15

Es ist immer verdächtig, wenn Regierung und Opposition gemeinsam jubeln. Angela Merkel hatte schon bei ihrem Washington-Besuch "Verständnis" für den Klimakiller George W. Bush gezeigt. Kein Wunder, dass sie jetzt den Bonner "Klima-Kompromiss" gut findet. Jürgen Trittin hat noch vor dem Gipfel in Bonn Japans und Kanadas Forderung, sich Wälder als Klimaschutzmaßnahme anrechnen zu lassen, zurückgewiesen. Jetzt muss auch er gute Miene zum bösen Diplomatenspiel machen.
Gemessen an den technischen Möglichkeiten und klimaverträglichen Notwendigkeiten ist der Bonner »Kompromiss« geradezu lächerlich. Wir können Autos bauen, die
noch ein Drittel der heutigen Treibhausgase produzieren, und Häuser, die mit einem Viertel an Heizenergie auskommen. Wer seinen Altbau richtig dämmt, reduziert seinen Ölverbrauch um 50 Prozent. Windräder können Kohlekraftwerke ersetzen - und Windkraftanlagen auf dem Meer ganze Atomkraftwerke. Dänemark macht bereits vor, wie das konkret und praktisch geht. Auf dem Dach unseres Hauses produzieren wir doppelt so viel Strom, wie durchschnittlich eine deutsche Familie verbraucht.
Also: Gemessen an diesen Zukunftstechnologien, die auch noch Arbeitsplätze schaffen und Exportschlager werden, ist der Bonner Kompromiss ein Sieg für die Klimakiller und eine Niederlage für das Klima.
Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages hat vor über zehn Jahren schon errechnet, dass die Industriestaaten langfristig ihre Treibhausgase um 80 Prozent reduzieren müssen, falls wir das Klima ernsthaft schützen wollen. Das Kyoto-Protokoll hatte bis 2010 gerade mal fünf Prozent Reduktion vorgesehen - die jetzige Bonner Lösung meint weniger als zwei Prozent -, und das noch weitgehend ohne Kontrolle und ohne Sanktionen. Die EU-Umweltkommissarin Margot Wallström meinte nach dem Bonner Gipfel: "Wir können stolz sein auf das, was wir geleistet haben. Jetzt können wir unseren Kindern in die Augen sehen."

Wenn wir das wirklich tun, werden wir in den Augen von 10- und 20-Jährigen das blanke Entsetzen über das Bonner Jahrmarkt-Gefeilsche erblicken. Wir benehmen uns wie Pyromanen und verbrennen die Zukunft künftiger Generationen. An einem Tag verbrennen wir, was die Natur in 500000 Tagen an fossilen
Brennstoffen angesammelt hat. Wir tun das, obwohl uns die Sonne 15000 Mal mehr Energie schickt, wie alle Menschen auf dieser Welt verbrauchen. Die Lösung steht am Himmel. Wir aber haben noch ein Brett vor der Sonne.
So weit sind wir immerhin: Kriegsverbrecher müssen sich vor internationalen Gerichten verantworten. Es wird hoffentlich keine weitere Generation dauern, bis sich auch Klimaverbrecher wie George W. Bush und seine Freunde, von der alten Energiewirtschaft - nicht nur in den USA - vor einem internationalen Tribunal verantworten müssen. Aber sehr wahrscheinlich wird er vorher noch Kriege um Öl führen, anstatt das Klima zu schützen. Die große politische Frage des 21. Jahrhunderts wird heißen: Krieg um Öl oder Frieden durch die Sonne?

Zeichnung: SAKURAI - Nr. 16/2001 Publik Forum

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